Strandläufe und Meutereien
19. März 2007
Soeben war die Postbotin da: Drei Umschläge mit Seefahrtsaustattung von Ebay haben mich erreicht. Die drei Paar Jeans in Weiß passen dank Stretchanteil im Stoff einigermaßen. Ich werde sie gleich in die Wäsche tun. Und die Mokassins passen auch. Dann kann es ja losgehen!
Beim goldenen Paillettenstoff wurde ich glücklicherweise überboten, aber der aufblasbare Sessel wird für 15,57 Euro nun bald meiner sein.
Morgen kommt dann vielleicht auch der schlank machende Badeanzug. Mit dem kann ich mich dann in dem aufblasbaren Plastiksessel räkeln.
Das Beste ist, dass ich wieder einigermaßen fit bin.
Ich freue mich auf Rügen! Vielleicht lerne ich nun endlich auch, wie man effektiv schwimmt, nicht nur Brustschwimmen mit steifem Hals.
Ich stelle mir auch vor, wie wir unter den Wellen hindurchtauchen und Schiffbrüche simulieren. Das alles dann natürlich im Neoprenanzug. Sicher werden wir viele Kilometer am Strand entlang joggen, den Wind im Gesicht, der Kälte trotzend� Gestählt werde ich meine Kreuzfahrt antreten, inspiriert wie noch nie zuvor improvisieren. Ein Plattenproduzent wird seine alte Mutter auf der Kreuzfahrt begleiten. Sie will noch einmal Tunis sehen, wo ihr Sohn gezeugt wurde. Der Produzent sieht hinreißend aus. Er ist fasziniert von meinem Spiel, verfällt meinem Charme und bittet mich auf Knien, noch an Bord einen Plattenvertrag zu unterschreiben. Dieser verpflichtet mich auch, in einem Film die Rolle einer Saxophonistin zu spielen, die eine Meuterei auf einem Kreuzfahrtschiff mit List und Findigkeit in letzter Sekunde abwenden kann und so die Passagiere sicher bis zu ihrem Zielhafen bringt.
Ich gehe mal schnell joggen, damit ich die Strandläufe auch durchhalte�
Schönheit kennt kein Alter
17. März 2007
Dove ist aufgewacht und hat eine PRO AGE Creme-Öl Lotion auf den Markt gebracht. Das Model, das dazu posiert, ist eine schöne Frau um die fünfzig oder sechzig - wer weiß das schon - und ihr Haar ist grau. Ich bin gespannt, wie sich dieser Trend fortsetzen wird. Immerhin steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung rasant. Der Slogan von Dove heißt: “Schönheit kennt kein Alter.”
Wenn ich an die Saxophonistin Peggy Gilbert denke, trifft das zu. Sie hat vorbildlich bis fast zum Ende ihrer 102 Jahre gespielt! Und die 1919 geborene Sängerin Chavela Vargas hat gerade mit 87 Jahren eine neue CD auf den Markt gebracht, Boleros und Canciones Rancheras.
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Bemerkenswert an Chavela Vargas ist auch, dass sie über dreißig Jahre alt war, als sie zu singen begann. 1979 zog sie sich alkoholkrank aus der Öffentlichkeit zurück und hatte dann 1990 ein Comeback als Schauspielerin in dem Werner Herzog Film SCEAM OF STONE. 2002 spielte sie in dem Film FRIDA Über Frida Kahlo, mit der sie im wirklichen Leben eine Affaire hatte.
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Und ich mache mir Sorgen, wie drei studentische Hühner, die sich mit mir zusammen HIGH SEA nennen, meine Seemannsliederideen finden, kindisch!
Badefreuden
16. März 2007
So, am nächsten Freitag werde ich auf Rügen sein. Dort lerne ich dann meine Band kennen. Sie nennt sich übrigens für die Tour HIGH SEA, meine Idee war das nicht. Hoffentlich wird es bis nächste Woche wieder wärmer, denn etwas bange ist mir schon vor dem Training. Es ist zwar weiterhin vom Neoprenanzug die Rede, aber ich bekomme es ja nicht einmal fertig, mich zur Stärkung des Immunsystems nach dem Baden kalt abzuduschen.
An Bord der AIDA soll es einen Pool für die Mannschaft geben. Da werde ich gleich mal sehen, ob ich bei Ebay noch passende Bademode für mich finde, selbstverständlich ungetragene. Die weißen Jeans sind schon unterwegs an mich. Hoffentlich passen sie. Bei Hosen ist das immer so eine Sache. Da können die Verkäufer ruhig schreiben “traumhafte Passform” oder “sexy”. Ich setze auf den Stretchanteil im Stoff. “Cooler Schnitt” hat bei mir gar keine Chance, ich hasse dieses Adjektiv, vor allem, wenn es Menschen benutzen, die die Achtzehn überschritten haben.
Ein Ohrwurm in meinem Kopf: AM SONNTAG WILL MEIN SÜSSER MIT MIR SEGELN GEHN!
Seemannsbräute
15. März 2007
Gestern bei der Session habe ich die anderen gezwungen, zehn Minuten über MY SHIP zu improvisieren. Ich trug ein blau-weiß gestreiftes T-shirt. Bis zum Fahrtantritt soll das mein Markenzeichen werden.Wenn ich schnell genug bin und bei Ebay die technische Gerätschaft dazu ersteigern kann, könnte ich es ja Elsa Seefahrt gleichtun und meine eigene Sendung machen, nur dann direkt von Bord, das wäre doch was! “Es berichtet live von Bord der AIDA Lili Lameng!� Vielleicht im Matrosenkostüm, wie ich es bei dem Trio ANKE UND DIE SEEMANNSBR�UTE sah, das ich gestern im Netz aufgestöbert habe. Zwei Saxophone schnattern wie wildgewordene Schwäne oder besser Möven als Begleitung zu einer Sängerin, die tatsächlich Seemannslieder singt.
Elsa Seefahrt
14. März 2007
Unsere Route führt uns durch das Mittelmeer. In Mallorca geht es los. Dorthin werden wir fliegen. Mallorca Lieder will ich nicht spielen, da habe ich Vorurteile, obwohl mir gar kein Liedgut zu dieser Insel bekannt ist. Nach Capri kommen wir leider nicht, aber nach Tunis und Malta. Dort hätte ich fast einmal einen Englischkurs belegt. Nun muss ich für dieses Reiseziel nichts bezahlen.
Bei meinen Recherchen zur Seefahrt bin ich auf Elsa Seefahrt gestoßen, die kurze Videos von sich selbst dreht und dann ins Netz stellt. Das soll sehr unterhaltsam sein, wie sie da aus ihrem Leben plaudert. Manchmal trägt sie dabei Matrosenkleidung.
Da ich technisch so unversiert bin, ist es mir leider nicht gelungen, mich in die Filmchen einzuloggen. Andere schaffen das wohl, sonst hätte Elsa Seefahrt nicht eine so große Fangemeinde.
Berufskleidung
13. März 2007
An Bord werde ich eigene weiße Jeans tragen sowie Hawaihemden, die mir gestellt werden. Dazu muss ich weiße Schuhe tragen. Diese Investition muss über Ebay abgewickelt werden, sonst übersteigt sie mein Budget. Ich biete nun auf drei paar weiße Jeans und ein Paar neue weiße Mokassins. Damit habe ich heute Morgen zwei Stunden zugebracht.
Ebay ist wie Einkaufen im Supermarkt in einem Zustand geistiger Umnachtung. Ich biete nun nämlich auch auf einen aufblasbaren roten Plastiksessel und drei Meter Paillettenstoff in Gold. Daraus könnte ich mir für die Auftritte in der Schiffsbar eine Robe schneidern. Trotzdem hoffe ich, dass man mich überbietet.
Ich spiele die Titelliste der Jungs aus Köln rauf und runter. Realbook, nichts Besonderes. MY SHIP haben sie allerdings nicht dabei, noch nicht, die Banausen. Ich finde ja, man müsste auch jazzige Versionen von Seemannliedern bieten. Oder die CAPRIFISCHER. Aber da muss ich meine Band erstmal kennenlernen. Wenn ich jetzt schon mit solchen Vorschlägen aufwarte, denkt das Jungvolk bestimmt, ich befinde mich im Zustand fortgeschrittener Vergreisung. Oder sie kennen die CAPRIFISCHER gar nicht, das ist noch wahrscheinlicher.
Croissant Falle
12. März 2007
Ich sammele Informationen zu meinem Kreuzfahrt Vorhaben. Das Sicherheitstraining findet nächste Woche statt. Bis dahin bin ich wieder fit, das steht fest. Mir helfen jetzt Dampfbäder mit Kamillan, dem ostdeutschen Pendant zu Kamillosan, dazu Lutschtabletten mit Vitamin C mit Zink. Meine Kräfte kehren zurück.
Gestern war ich im Café Grundmann zu einem sp�äen französischen Frühstück mit doppelter Croissant Portion, also zwei Croissants statt einem. Mit einem Croissant wäre weder mein Hunger nach Süßem und Fettigem gestillt gewesen, noch hätte ich die überdimensionale Portion Aprikosenmarmelade vertilgen können, die diese Frühstückscreation stets begleitet.
Was denke sich die vom Grundmann? Betrachten die die Marmelade als eine Art Dessert? Oder beziehen sie sie derart günstig, dass sie hier scheinbar maßlose Großzügigkeit an den Tag legen? Oder ist das eine Falle, und man soll eben weitere Croissants ordern?
Jedenfalls hatte ich nach dem zweiten Croissant einen solchen Hustenanfall - eine Mischung aus Sichverschlucken und bellendem Reizhusten - dass ich viele mitleidige Blicke erntete. Die ältere Dame am Nebentisch raunte mir zu: “Durch die Nase atmen!”. Das half ein wenig, danke! Der Ober kam wesentlich schneller als gewohnt zu Abkassieren, und ich eilte hustend und würgend aus dem Café. So kann�s gehen. Ab jetzt habe ich mir drei Dampfbäder pro Tag verordnet. Und Kamillan wird sich in meinem Reisegepäck für die Kreuzfahrt befinden�
Peggy Gilbert
10. März 2007
Erst gestern habe ich es mitbekommen: Peggy Gilbert, die Saxophonistin, ist am 12. Februar im Alter von 102 Jahren gestorben.
Schon mit sieben Jahren trat sie mit einer Tanztruppe auf, mit neun im an Piano und Violine im Orchester ihres Vaters. Ihr ganzes Leben lang war sie als Musikerin aktiv, gründete verschiedene Bands, oft All-Girls-Bands. Und immer organisierte sie das Drumherum, bis hin zu den Kostümen.
Mit neunundsechzig gründete sie die Dixie Belles, die bis Mitte der neunziger Jahre spielten, auch in Fernsehshows und auf Jazzfestivals. Außerdem trat sie als Schauspielerin auf.
Schade, dass ich sie nie habe spielen hören. Die Fotos auf ihrer Website machen Mut! Wenn ich mit über achtzig wäre wie Peggy Gilbert, hätte ich alles richtig gemacht!
Große Fahrt!
9. März 2007
Ich habe schon mal meine Unterlagen in die Reederei nach Hamburg geschickt. Die Gage wird leider sehr gering ausfallen, knapp siebzig Euro am Tag. Doch egal, eine Kreuzfahrt w�üde ich mir sonst nie leisten können.
Die anderen Musiker des Quartetts sind aus Köln und studieren noch. Deren Saxophonist wird Vater und möchte seine schwangere Freundin nicht zu lange allein lassen.
Wie bereite ich mich auf die Fahrt vor? Moby Dick lesen? Seemannslieder lernen? Hans Albers Filme gucken? Mir einen Matrosenanzug nähen?
Hohe See
8. März 2007
Der Saxophonjob ist noch zu haben! Ich könnte drei Wochen - normalerweise sind die Touren länger - auf einem Kreuzfahrtschiff spielen. Die Tour geht durchs Mittelmeer. Das wäre jetzt im herannahenden Frühling natürlich herrlich!
Vorher muss ich allerdings ein Sicherheitstraining auf Rügen absolvieren, im Neoprenanzug in der Ostsee schwimmen und ein Rettungsboot bedienen lernen. Mit dem Trainingszertifikat könnte ich dann weltweit auf allen Schiffen anheuern. Ob man mich auch als Schiffsköchin nähme? Tintenfischringe habe ich ja quasi schon im Repertoire�
Das Sicherheitstraining müsste ich spätestens in zwei Wochen absolvieren, danach ginge es auf hohe See!
Jetzt muss ich vor allem wieder fit werden, sonst kann ich unmöglich nach Rügen�