Ab zur See

30. März 2007

Morgen geht es los! Der Seesack ist gepackt, die Realbooks lasse ich lieber im Handgepäck, ebenso natürlich das Saxophon und das Flugticket.

Eine rote Rose mit grünen Blättern und ebensolchem Stängel ziert mein Dekolltee. Ein paar Ersatz Tatoos führe ich mit mir. Mein Haar riecht nach Henna.

Gestern habe ich bei der Session in einer Anwandlung von Abschiedsschmerz etliche Biere mit den Jungs getrunken. Mein Tatoo habe ich lieber nicht gezeigt. Das hebe ich mir für die Zeit ab morgen auf, wo ich dann zur See fahre.

Ich habe Kopfschmerzen. Auf See werde ich dann Rum trinken, so gehört es sich für eine Abenteurerin. Ahoi, bis bald!

Kastanie

28. März 2007

Jetzt ist Schuss mit Asch. Mein Friseur hat mir ja nachdrücklich klargemacht, dass es so mit mir nicht weitergeht. Mein Haar leuchtet jetzt. Vollbracht hat dies Ines, da der Terminplan des Meisters bereits voll war. Wenn ich beschließe, etwas zu verändern, muss das sofort sein. Ines hat ihre Sache gut gemacht.

Eine Pflanzentönung sollte es sein, das hatte mein Friseur, der Meister, vorgegeben. Ich wurde mit Kaffee versorgt, und neben mir dampfte eine hennaartige Pampe mit torfigem Geruch, eben wie Henna. Ines bestand darauf, dass dies aber nicht Henna sei. Na gut. Trotzdem roch es genau so. Sonst hätte es mich nicht an jugendliche Färbeversuche mit grünem Pulver in orientalischen Packungen erinnert.

Die Friseurinnen im Laden hatten alle gemeinsam, dass ihr Haar entweder getönt oder gefärbt war. Außerdem waren sie tätowiert. Bei allen mit Ausnahme einer Einzigen konnte ich das sehen. Ines´ Tätowierung ist auf der Innenseite ihrer Arme, bei den anderen im Lendenbereich mit Ausbreitungstendenz zum Bauch. Dagegen finde ich meine Pflanzentönung sehr harmlos, obwohl ich mich jetzt mit dem leichten Kastanienglanz schon verwegen wie eine Piratin fühle.

Für die Kreuzfahrt könnte ich mir ein Tatoo zulegen, das sich wie ein Abziehbild applizieren lässt, ein Herz oder eine Rose, vielleicht im Dekolltee. Das und die Zigaretten gäben dann eine neue, verruchte Persönlichkeit�

Gewohnheiten

27. März 2007

Die Kreuzfahrt gibt mir eine die seltene Gelegenheit, anders als sonst zu sein. Niemand an Bord kennt mich, abgesehen von den neuen Bekanntschaften mit HIGH SEA und der Haarteilblondine.

Die Kleidung ist mir leider als Mannschaftsmitglied vorgeschrieben, doch könnte ich Dinge tun oder ausprobieren, die mir sonst fremd sind.

Johannes Heesters hat mit 103 Jahren jetzt das Rauchen aufgegeben. Ich könnte damit anfangen. Ob das lebensverlängernd oder verkürzend wäre, kann ich nicht wissen. Bei Johannes Heesters hat das Rauchen bisher eher nicht geschadet. Oder man muss als Begleiter des Nikotins den Heesterschen Knoblauchschnaps zu sich nehmen, drei mal täglich. Das fände ich dann weniger mondän. Ich kann ja noch darüber nachdenken.

In jedem Fall brauche ich Lektüre im Gepäck. Auf keinen Fall will ich die Kreuzfahrt mit Fernsehen verbringen, falls es das an Bord für uns überhaupt gibt. Der Internetzugang ist, das wurde uns auf Rügen gesagt, zeitlich beschränkt und teuer.

Im Koffer liegt bereits Café Heimat von Louise Jacobs und Valaida, ein amerikanischer Roman über die Trompeterin Valaida Snow.
Cafe Heimat. Die Geschichte meiner Familie

Valaida (Virago)

Blondine

26. März 2007

Gestern Abend spät war ich wieder zu Hause. Das Sicherheitstraining ist überstanden. Das Ganze hatte etwas von einem Pfadfinderausflug. Essen mussten wir zum Glück aber nicht selbst kochen.

HIGH SEA ist ganz in Ordnung, vor allem Peer, der seemannsartige Schlagzeuger. Seine Übung im Neoprenanzug hat er im Rettungsring überstanden. Es haben nicht einmal alle gemerkt, dass er Nichtschwimmer ist.

Und Sophia schwimmt ohne Haarteil. Dadurch wurde es auch für alle Kurzteilnehmer offensichtlich, warum sie sonst zum Kunsthaar greift. Sie hat ihr Naturhaar scheinbar durch übermäßiges Blondieren so geschwächt, dass ihr Haupthaar einen traurig und glanzlos wie bei einer vernachlässigten Barbiepuppe nach dem Experiment wirkt. Am Freitag sehen wir uns alle auf Mallorca zum Reiseantritt wieder. Trotzdem bestand Sophie darauf, uns jedem einzeln ihre Visitenkarte zu überreichen. Darauf steht, das sie Konzertpianistin ist, außerdem auch Bundespreisträgerin. In was? Im Blondieren? Das wird verschwiegen.

Auf Rügen

24. März 2007

Ich sitze hier auf Rügen im Internetcafé. Nur eine halbe Stunde für mich, dann geht es weiter mit dem Thema “Notsignale auf See”.

Wir sind in Gruppenquartieren untergebracht, doch ich habe ein Einzelzimmer erwischt. Zum Glück!

HIGH SEA sind Thomas (Bass, 24 Jahre, blass, dünn, lichtes Haar, das er mit langen Haarfusseln aufzupeppen versucht), Clemens (Klavier, 22, blond, klein, drahtig, lustig) und Peer (Schlagzeug, 27, war mal KFZ Mechaniker, sieht aus wie ein Seebär und wie für die Seefahrt geschaffen).

Gestern wurden uns vor allem Vorträge gehalten: Hierarchie an Bord, Benehmen gegenüber den Passagieren, Aufbau unseres Schiffes, Funktionsweise von Rettungswesten.

Heute Vormittag war Erste Hilfe Training. Peer hat mir gebeichtet, dass er nicht schwimmen kann! Das kann ja was werden.

In unserer Gruppe ist auch eine blondierte Pianistin, die mit uns auf die AIDA gehen wird und Hintergrundsmusik spielen soll. Außerdem muss Sophia auch korrepetieren. Ich bin gespannt, ob sie bei den Übungen im Neoprenanzug ihr Haarteil anlassen wird!

So, und schon muss ich wieder zum Training�

Heute Abend lese ich dann über die wahre Seefahrt:
Lebensbeschreibung eines Alten Seemannes. Von ihm selbst und zunächst für seine Familie geschrieben

Im Aufbruch

22. März 2007

Gestern war ich dann doch noch bei der Session. Ich wollte, dass die Jungs mich ein wenig um die Kreuzfahrt und meinen Aufbruch in einen früher einsetzenden Frühling in freundlicheren Gefilden beneiden. Die sind aber kaum auf mich eingegangen. Sicher war gerade das das Indiz, dass sie lieber an Stelle von HIGH SEA wären. Dafür haben wir in alter Vertrautheit gemeinsam unsere Biere getrunken. Vergessen ist der Abstinenzschwur.

Was soll´s. Ich packe jetzt gleich meinen Koffer, gebe meinen Unterricht in der Musikschule, und dann lasse ich mir für nächste Woche einen Friseurtermin geben! Das Asch muss weg! Der Produzent muss mich auch bemerken!

Und ich bin morgen unterwegs zum Sicherheitstraining!

Buchmesse

21. März 2007

Heute wird hier in Leipzig die Buchmesse eröffnet. Jetzt werde ich nicht die Muße haben, mich dort umzutun. Zu sehr denke ich an die bevorstehende Kreuzfahrt. Da kann ich nicht einen Tag im Gedränge der Neuen Messe zubringen und mich der Qual der Wahl aussetzen. Gefallen könnte mir Massimo Carlottos neuer Krimi:
Arrivederci amore, ciao
Gerne lese ich immer in der Beilage des Kreuzers, wo ich meine Abende bei Lesungen verbringen könnte. Am Ende ziehe ich es doch vor, mich mit einem Krimi in die Badewanne zu verziehen. Oder auf meinen Neuerwerb, den roten Plastiksessel, den ich in meine Küche gequetscht habe und der wider Erwarten sehr angenehm zum Sitzen ist.

Der Dank für Abstinenz

20. März 2007

Heute habe ich lange geschlafen. Das Joggen gestern hat mich sehr erschöpft. Als ich danach auf die Waage stieg, musste ich mir erschrecken feststellen, dass ich trotz Abstinenz und Bronchitis gute zwei Kilo zugenommen habe. Es muss daran liegen, dass ich mich in der trügerischen Sicherheit gewiegt habe, ohne Alkohol nähme man von allein ab. Auch habe ich mehr feste Nahrung als sonst zu mir genommen. Das ist nun die Quittung.

Da die zwei Kilo nun in meinem Bewusstsein sind, freue ich mich nicht mehr so auf den Mannschaftspool. Der Badeanzug von Ebay kam heute an. Ich habe darin einen Kugelbauch! Soll ich die Abstinenz aufgeben? Außer Bronchits und Übergewicht hat sie mir nichts eingebracht�

Soeben war die Postbotin da: Drei Umschläge mit Seefahrtsaustattung von Ebay haben mich erreicht. Die drei Paar Jeans in Weiß passen dank Stretchanteil im Stoff einigermaßen. Ich werde sie gleich in die Wäsche tun. Und die Mokassins passen auch. Dann kann es ja losgehen!
Beim goldenen Paillettenstoff wurde ich glücklicherweise überboten, aber der aufblasbare Sessel wird für 15,57 Euro nun bald meiner sein.

Morgen kommt dann vielleicht auch der schlank machende Badeanzug. Mit dem kann ich mich dann in dem aufblasbaren Plastiksessel räkeln.

Das Beste ist, dass ich wieder einigermaßen fit bin.

Ich freue mich auf Rügen! Vielleicht lerne ich nun endlich auch, wie man effektiv schwimmt, nicht nur Brustschwimmen mit steifem Hals.

Ich stelle mir auch vor, wie wir unter den Wellen hindurchtauchen und Schiffbrüche simulieren. Das alles dann natürlich im Neoprenanzug. Sicher werden wir viele Kilometer am Strand entlang joggen, den Wind im Gesicht, der Kälte trotzend� Gestählt werde ich meine Kreuzfahrt antreten, inspiriert wie noch nie zuvor improvisieren. Ein Plattenproduzent wird seine alte Mutter auf der Kreuzfahrt begleiten. Sie will noch einmal Tunis sehen, wo ihr Sohn gezeugt wurde. Der Produzent sieht hinreißend aus. Er ist fasziniert von meinem Spiel, verfällt meinem Charme und bittet mich auf Knien, noch an Bord einen Plattenvertrag zu unterschreiben. Dieser verpflichtet mich auch, in einem Film die Rolle einer Saxophonistin zu spielen, die eine Meuterei auf einem Kreuzfahrtschiff mit List und Findigkeit in letzter Sekunde abwenden kann und so die Passagiere sicher bis zu ihrem Zielhafen bringt.

Ich gehe mal schnell joggen, damit ich die Strandläufe auch durchhalte�

Dove ist aufgewacht und hat eine PRO AGE Creme-Öl Lotion auf den Markt gebracht. Das Model, das dazu posiert, ist eine schöne Frau um die fünfzig oder sechzig - wer weiß das schon - und ihr Haar ist grau. Ich bin gespannt, wie sich dieser Trend fortsetzen wird. Immerhin steigt der Altersdurchschnitt der Bevölkerung rasant. Der Slogan von Dove heißt: “Schönheit kennt kein Alter.”
Wenn ich an die Saxophonistin Peggy Gilbert denke, trifft das zu. Sie hat vorbildlich bis fast zum Ende ihrer 102 Jahre gespielt! Und die 1919 geborene Sängerin Chavela Vargas hat gerade mit 87 Jahren eine neue CD auf den Markt gebracht, Boleros und Canciones Rancheras.
Chavela Vargas

Bemerkenswert an Chavela Vargas ist auch, dass sie über dreißig Jahre alt war, als sie zu singen begann. 1979 zog sie sich alkoholkrank aus der Öffentlichkeit zurück und hatte dann 1990 ein Comeback als Schauspielerin in dem Werner Herzog Film SCEAM OF STONE. 2002 spielte sie in dem Film FRIDA Über Frida Kahlo, mit der sie im wirklichen Leben eine Affaire hatte.
Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben.

Und ich mache mir Sorgen, wie drei studentische Hühner, die sich mit mir zusammen HIGH SEA nennen, meine Seemannsliederideen finden, kindisch!