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29. April 2007
Wieder in Leipzig! Strahlender Sonnenschein, die kommende Woche scheint dem 1. Mai gewidmet zu sein. Es wird gegrillt�
Schön war es auf der AIDA, die Zeit verging wie im Fluge, und mit den Jungs von HIGH SEA habe ich mich bestens verstanden. Mit Peer besonders, aber eben eher kollegial, leider.
Sophia, die Pianistin, mit der ich die Kabine teilen musste, habe ich ohne Tränen auf dem Schiff zurück gelassen. Sie bleibt dort noch vier Wochen, lässt sich so oft wie möglich fotografieren und hofft auf eine große Karriere als Popstar. Immerhin hatte sie es schon geschafft, sich zeitweilig mit Hilfe des Schiffsarztes Zugang zu den Restaurants zu verschaffen, die eigentlich den Passagieren vorbehalten sind. Doch dann musste sie einer jungen Passagierin mit echtem Blondhaar weichen� Ich wünsche ihr viel Glück!
Und die Standards kann ich nun größtenteils auswendig. Dazu war die Fahrt ein gutes Training.
Das Café Nattes in Tunis habe ich lieb gewonnen, da wäre ich gerne öfter, doch hier ist das Grundmann mit seinem original sächsisch-wienerischen Caféhaus Charme.
Die Bordkantine wird mir fehlen, Leckereien bis Mitternacht, mediterran bis französisch, kein Frühstück ohne Croissants. Die Spuren haben sich um meine Hüften gelegt. Also heißt es nun leider: Maßhalten!
Susanna von nebenan hat mir dankenswerter Weise ein selbstgemachtes Bärlauchpesto im Kühlschrank hinterlassen. Die Bärlauchsaison habe ich durch die Kreuzfahrt komplett verpasst. Wo doch gleich um die Ecke im Auenwald das Bärlauchparadies ist.
Ich freue mich auch auf Waldspaziergänge, die Sessions im BLUE NOTE, meine Schüler und die WILD HORSES. Es kommt mir vor, als sei ich Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen.
Mathilda hat sich auch beträchtlich weiterentwickelt. Heute Morgen hat sie mir ihre neuesten Errungenschaften vorgeführt: Da gibt es Peggy, eine Häsin und Seiltänzerin, die sie seit Ostern begleitet. Das Buch - Der Traumzirkus - gehört nun zu ihrer täglichen Lektüre. Und zum Baden hat sie eine Kaffee-Tee-Ente, eine Gummi Ente mit Kapitänsmütze�
Aus Tunis
7. April 2007
Nun hat schon meine zweite Kreuzfahrtrunde im Mittelmeer begonnen. Jetzt sitze ich zum ersten Mal in Tunis in einem Internetcafé, neben mir ein Pfefferminztee.
Einmal habe ich es schon hinter mir: Palma de Mallorca � dort hatte ich gar keine Zeit, mir die sonnige Großstadt anzusehen - ein Tag auf See, dann Tunis. Wie vom Kapitän empfohlen, nutzte ich meinen Landgang zu einem Besuch im Café Nattes und bestellte einen Thé à la Menthe. Wie eine frühe Weltreisende kam ich mir dabei vor, zumal ich allein unterwegs war.
Montag waren wir schon auf Malta, und ich hatte wieder Zeit für einen Landgang. Die Insel der Feuerwerker. Ein paar Stunden sind viel zu wenig, um sich einzuleben. Ich fühlte mich sehr wie eine Touristin, war aber dennoch sehr froh über die Abwechslung und die maltesische Sonne.
Palermo! Das war mir schon zu gro�. Auch hatte ich mich von Sophie, mit der ich die Innenkabine teilen muss, zu einem Einkaufsbummel überreden lassen. Die Gage kommt ja erst nach der Tour, deshalb und auch wegen eben Sophie war die Freude an diesem Landausflug nicht ganz so groß.
Dann wieder ein Seetag. Die Tage auf See mag ich besonders. Auf dem Mannschaftsdeck lese ich dann im Liegestuhl. Die meisten Crewmitglieder müssen auch tagsüber arbeiten, als Stewards, Kellner, Küchenhilfen. Einige habe ich in der Mannschaftskantine kennen gelernt, doch wir Musiker werden durch unseren anderen Arbeitsrhythmus nicht so leicht von den anderen aus der Crew akzeptiert. Wir spielen nur abends bis Mitternacht und bei Ankunft und Abreise der Gäste. Dann stehen wir in Hawaikluft an der Reeling und spielen haupts�chlich unsere lateinamerikanischen Titel. Allerdings proben wir oft am Vormittag, da wir uns richtig gut aufeinander einspielen wollen.
Mit den Jungs von HIGH SEA komme ich gut zurecht, vor allem mit Peer. Auch an Bord ist man mit uns zufrieden. Das misst sich am Barumsatz. Wenn den Leuten unsere Musik gefällt, kommen sie gerne in die Bar und trinken dort natürlich einiges. Mit den Gästen haben wir wenig direkten Kontakt, da wir uns nicht in den für die G�ste bestimmten Restaurants aufhalten dürfen.
Gleich läuft meine Internetzeit ab. Also: Vorgestern waren wir in Barcelona. Ich war mit Peer unterwegs, und zu meiner �berraschung hatte auch er Lust auf das Museu Picasso. Das hat richtig Spaß gemacht: ein Museumsbesuch, Tapas am Mittag und dann in mehreren Cafés sitzen und einfach das Leben auf der Straße beobachten. Dabei habe ich ganz verwegen geraucht. Peer raucht sowieso. Mein Tatoo habe ich noch niemandem gezeigt. Nachdem ich wieder Bilder von Picasso gesehen habe, schäme ich mich ein wenig wegen der Rose im Dekolltee. Ich sollte Picasso Tatoos vertreiben. Das könnte eine Marktlücke sein! Vielleicht kann ich das bald mit Peer besprechen.
Gestern Morgen waren wir wieder in Palma de Mallorca. Auch da war es wider Erwarten schön. Leider hatten wir nicht viel Zeit zum Landgang. Nächste Woche werde ich mir die Stadt besser vorbereitet ansehen.
Ab zur See
30. März 2007
Morgen geht es los! Der Seesack ist gepackt, die Realbooks lasse ich lieber im Handgepäck, ebenso natürlich das Saxophon und das Flugticket.
Eine rote Rose mit grünen Blättern und ebensolchem Stängel ziert mein Dekolltee. Ein paar Ersatz Tatoos führe ich mit mir. Mein Haar riecht nach Henna.
Gestern habe ich bei der Session in einer Anwandlung von Abschiedsschmerz etliche Biere mit den Jungs getrunken. Mein Tatoo habe ich lieber nicht gezeigt. Das hebe ich mir für die Zeit ab morgen auf, wo ich dann zur See fahre.
Ich habe Kopfschmerzen. Auf See werde ich dann Rum trinken, so gehört es sich für eine Abenteurerin. Ahoi, bis bald!
Kastanie
28. März 2007
Jetzt ist Schuss mit Asch. Mein Friseur hat mir ja nachdrücklich klargemacht, dass es so mit mir nicht weitergeht. Mein Haar leuchtet jetzt. Vollbracht hat dies Ines, da der Terminplan des Meisters bereits voll war. Wenn ich beschließe, etwas zu verändern, muss das sofort sein. Ines hat ihre Sache gut gemacht.
Eine Pflanzentönung sollte es sein, das hatte mein Friseur, der Meister, vorgegeben. Ich wurde mit Kaffee versorgt, und neben mir dampfte eine hennaartige Pampe mit torfigem Geruch, eben wie Henna. Ines bestand darauf, dass dies aber nicht Henna sei. Na gut. Trotzdem roch es genau so. Sonst hätte es mich nicht an jugendliche Färbeversuche mit grünem Pulver in orientalischen Packungen erinnert.
Die Friseurinnen im Laden hatten alle gemeinsam, dass ihr Haar entweder getönt oder gefärbt war. Außerdem waren sie tätowiert. Bei allen mit Ausnahme einer Einzigen konnte ich das sehen. Ines´ Tätowierung ist auf der Innenseite ihrer Arme, bei den anderen im Lendenbereich mit Ausbreitungstendenz zum Bauch. Dagegen finde ich meine Pflanzentönung sehr harmlos, obwohl ich mich jetzt mit dem leichten Kastanienglanz schon verwegen wie eine Piratin fühle.
Für die Kreuzfahrt könnte ich mir ein Tatoo zulegen, das sich wie ein Abziehbild applizieren lässt, ein Herz oder eine Rose, vielleicht im Dekolltee. Das und die Zigaretten gäben dann eine neue, verruchte Persönlichkeit�
Gewohnheiten
27. März 2007
Die Kreuzfahrt gibt mir eine die seltene Gelegenheit, anders als sonst zu sein. Niemand an Bord kennt mich, abgesehen von den neuen Bekanntschaften mit HIGH SEA und der Haarteilblondine.
Die Kleidung ist mir leider als Mannschaftsmitglied vorgeschrieben, doch könnte ich Dinge tun oder ausprobieren, die mir sonst fremd sind.
Johannes Heesters hat mit 103 Jahren jetzt das Rauchen aufgegeben. Ich könnte damit anfangen. Ob das lebensverlängernd oder verkürzend wäre, kann ich nicht wissen. Bei Johannes Heesters hat das Rauchen bisher eher nicht geschadet. Oder man muss als Begleiter des Nikotins den Heesterschen Knoblauchschnaps zu sich nehmen, drei mal täglich. Das fände ich dann weniger mondän. Ich kann ja noch darüber nachdenken.
In jedem Fall brauche ich Lektüre im Gepäck. Auf keinen Fall will ich die Kreuzfahrt mit Fernsehen verbringen, falls es das an Bord für uns überhaupt gibt. Der Internetzugang ist, das wurde uns auf Rügen gesagt, zeitlich beschränkt und teuer.
Im Koffer liegt bereits Café Heimat von Louise Jacobs und Valaida, ein amerikanischer Roman über die Trompeterin Valaida Snow.
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Blondine
26. März 2007
Gestern Abend spät war ich wieder zu Hause. Das Sicherheitstraining ist überstanden. Das Ganze hatte etwas von einem Pfadfinderausflug. Essen mussten wir zum Glück aber nicht selbst kochen.
HIGH SEA ist ganz in Ordnung, vor allem Peer, der seemannsartige Schlagzeuger. Seine Übung im Neoprenanzug hat er im Rettungsring überstanden. Es haben nicht einmal alle gemerkt, dass er Nichtschwimmer ist.
Und Sophia schwimmt ohne Haarteil. Dadurch wurde es auch für alle Kurzteilnehmer offensichtlich, warum sie sonst zum Kunsthaar greift. Sie hat ihr Naturhaar scheinbar durch übermäßiges Blondieren so geschwächt, dass ihr Haupthaar einen traurig und glanzlos wie bei einer vernachlässigten Barbiepuppe nach dem Experiment wirkt. Am Freitag sehen wir uns alle auf Mallorca zum Reiseantritt wieder. Trotzdem bestand Sophie darauf, uns jedem einzeln ihre Visitenkarte zu überreichen. Darauf steht, das sie Konzertpianistin ist, außerdem auch Bundespreisträgerin. In was? Im Blondieren? Das wird verschwiegen.
Auf Rügen
24. März 2007
Ich sitze hier auf Rügen im Internetcafé. Nur eine halbe Stunde für mich, dann geht es weiter mit dem Thema “Notsignale auf See”.
Wir sind in Gruppenquartieren untergebracht, doch ich habe ein Einzelzimmer erwischt. Zum Glück!
HIGH SEA sind Thomas (Bass, 24 Jahre, blass, dünn, lichtes Haar, das er mit langen Haarfusseln aufzupeppen versucht), Clemens (Klavier, 22, blond, klein, drahtig, lustig) und Peer (Schlagzeug, 27, war mal KFZ Mechaniker, sieht aus wie ein Seebär und wie für die Seefahrt geschaffen).
Gestern wurden uns vor allem Vorträge gehalten: Hierarchie an Bord, Benehmen gegenüber den Passagieren, Aufbau unseres Schiffes, Funktionsweise von Rettungswesten.
Heute Vormittag war Erste Hilfe Training. Peer hat mir gebeichtet, dass er nicht schwimmen kann! Das kann ja was werden.
In unserer Gruppe ist auch eine blondierte Pianistin, die mit uns auf die AIDA gehen wird und Hintergrundsmusik spielen soll. Außerdem muss Sophia auch korrepetieren. Ich bin gespannt, ob sie bei den Übungen im Neoprenanzug ihr Haarteil anlassen wird!
So, und schon muss ich wieder zum Training�
Im Aufbruch
22. März 2007
Gestern war ich dann doch noch bei der Session. Ich wollte, dass die Jungs mich ein wenig um die Kreuzfahrt und meinen Aufbruch in einen früher einsetzenden Frühling in freundlicheren Gefilden beneiden. Die sind aber kaum auf mich eingegangen. Sicher war gerade das das Indiz, dass sie lieber an Stelle von HIGH SEA wären. Dafür haben wir in alter Vertrautheit gemeinsam unsere Biere getrunken. Vergessen ist der Abstinenzschwur.
Was soll´s. Ich packe jetzt gleich meinen Koffer, gebe meinen Unterricht in der Musikschule, und dann lasse ich mir für nächste Woche einen Friseurtermin geben! Das Asch muss weg! Der Produzent muss mich auch bemerken!
Und ich bin morgen unterwegs zum Sicherheitstraining!
Buchmesse
21. März 2007
Heute wird hier in Leipzig die Buchmesse eröffnet. Jetzt werde ich nicht die Muße haben, mich dort umzutun. Zu sehr denke ich an die bevorstehende Kreuzfahrt. Da kann ich nicht einen Tag im Gedränge der Neuen Messe zubringen und mich der Qual der Wahl aussetzen. Gefallen könnte mir Massimo Carlottos neuer Krimi:
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Gerne lese ich immer in der Beilage des Kreuzers, wo ich meine Abende bei Lesungen verbringen könnte. Am Ende ziehe ich es doch vor, mich mit einem Krimi in die Badewanne zu verziehen. Oder auf meinen Neuerwerb, den roten Plastiksessel, den ich in meine Küche gequetscht habe und der wider Erwarten sehr angenehm zum Sitzen ist.
Der Dank für Abstinenz
20. März 2007
Heute habe ich lange geschlafen. Das Joggen gestern hat mich sehr erschöpft. Als ich danach auf die Waage stieg, musste ich mir erschrecken feststellen, dass ich trotz Abstinenz und Bronchitis gute zwei Kilo zugenommen habe. Es muss daran liegen, dass ich mich in der trügerischen Sicherheit gewiegt habe, ohne Alkohol nähme man von allein ab. Auch habe ich mehr feste Nahrung als sonst zu mir genommen. Das ist nun die Quittung.
Da die zwei Kilo nun in meinem Bewusstsein sind, freue ich mich nicht mehr so auf den Mannschaftspool. Der Badeanzug von Ebay kam heute an. Ich habe darin einen Kugelbauch! Soll ich die Abstinenz aufgeben? Außer Bronchits und Übergewicht hat sie mir nichts eingebracht�
